Gastbeitrag „Was uns Marx über den Ukraine-Konflikt zu sagen hat“

Warum möchte ich, dass Ihr diesen Beitrag lest? Weil dieser Artikel zuerst im Mai 2014 erschien, kurz nach der Annexion der Krim und schon damals verblüffte wegen seiner geschichtlichen Ähnlichkeiten. Und nun kamen auch noch Syrien und die erwähnte Türkei ins Spiel, als nächstes vermutlich Libyen. Und wir sehen immer mehr, dass der Russe nur ein Drehbuch kennt – und das schon seit mehreren hundert Jahren! Es gibt da noch weitere Artikel, die ich vorstellen möchte. Die uns zeigen werden, wie Moskau „tickt“ und seine eigentlich simpel gestrickten Pläne entlarvt, dazu dann demnächst mehr. Denn man kann es nicht oft genug sagen: „Lernt aus der Geschichte!“ Vor allem wünscht man sich das von den verhandelnden Diplomaten. Leider entscheidet heute nicht Können sondern das richtige Parteibuch über die Besetzung so wichtiger Posten wie die eines Außenministers...
Prof. Dr. Boris Kotchoubey war so nett und hat mir erlaubt, seinen Text hier auf UKRAWEB erneut zu veröffentlichen. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlichst bedanken und sende beste Grüße nach Tübingen!

Boris Kotchoubey: Was uns Marx über den Ukraine-Konflikt zu sagen hat

„Das gesamte britische Publikum ist in Spannung und Angst wegen der Ereignisse auf der Krim… Dem alten asiatischen System der betrügerischen kleinen Tricks getreu, spielt Russland mit der Leichtgläubigkeit der westlichen Welt… Auf die Feigheit und Furcht der Westmächte zählend, schüchtert es Europa ein und treibt seine Forderungen so weit wie möglich, um später großmütig zu erscheinen, wenn es nur das bekommt, was es unbedingt will… Der russische Bär ist zu allem fähig, wenn er weiß, dass die anderen Tiere zu nichts fähig sind.“

Wer heute diese Zeilen liest, stellt sich einen britischen „Falken“ vor, der in seinem gerechten Zorn über die russische Politik vor keinem Klischee zurückschreckt. Dazu noch ein Zitat: „So sicher, wie eine Eroberung die andere, eine Annexion die anderen nach sich zieht, ebenso sicher wird es kommen, dass die natürliche Grenze Russlands von Danzig… bis nach Triest verläuft.“ Alles logisch, nur Danzig heißt schon seit 70 Jahren Gdansk, das sollte unser Autor zumindest wissen.

Nein, er konnte es nicht wissen. Die Stadt hieß Danzig in den Jahren 1852-1861, als er diese und andere in diesem Text zitierten Zeilen schrieb. Er war damals, wie übrigens sein ganzes Leben lang, in einer finanziell engen Lage und freute sich über das bescheidene Honorar, das ihm damals die »New York Daily Tribune« für Artikel zur aktuellen internationalen Politik angeboten hat. Sein Name war Karl Marx.

Was liegt dieser Vehemenz von Marx‘ Kritik an die russische Politik zugrunde, die eine außergewöhnliche Schärfe mit der genauso außergewöhnlichen Scharfsicht verbindet (seine Grenze „von Danzig bis Triest“ entspricht übrigens ganz gut der Grenze des Ostblocks zwischen 1945-1989)? Was trieb „den roten Preußen“ in seinen Invektiven gegen die Barbarei des Ostens und die Ohnmacht des Westens? Was überrascht an der Gegenwärtigkeit seiner Bemerkungen, in denen er keinen wissenschaftlichen Anspruch hatte, sondern die er als aktuelle politische Reaktionen für eine Tageszeitung notierte, als etwas, das schon am nächsten Tag vergessen werden sollte und dennoch Epochen überlebte? Woher dieses Déjá-vu der zwei Krisensituationen, zwischen denen 160 Jahre liegen, so dass der Schauplatz (Krim), das Verhalten der Akteure, sogar der Wortlaut der diplomatischen (und undiplomatischen) Noten identisch erscheinen? Da müssen wir etwas ausführlicher in die damalige Geschichte gehen, denn auch hier gilt: „Wer die Geschichte nicht gelernt hat, muss sie wiederholen“.

Erste Zeitreise: Krim 1.0

Das Genie des Fürsten Metternich schenkte Europa 40 Jahre Frieden. Das Gleichgewicht zwischen den fünf mächtigsten Staaten (Großbritannien, Frankreich, Preußen, Russland und Österreich) hatte nur einen kleinen Makel: Das sechste europäische Großreich, die Türkei, wurde nicht eingebunden. Diesen Schönheitsfehler nutzte Russland aus, um seine Vormachtstellung in Europa während der ersten Hälfte des 19.Jh. auf Kosten des schwächelnden Osmanischen Reiches (man sprach vom „kranken Mann am Bosporus“) zu erweitern, ohne dabei formell gegen die Wiener Verträge zu verstoßen. Die Lage verschärfte sich nach dem militärisch erfolgreichen Eingriff Russlands als „europäischen Gendarmen“ in die Revolution von 1848. 82 Prozent der Russen waren Leibeigene; die russischen Soldaten waren Sklaven, die nicht verstehen konnten, dass sie als Werkzeuge zur Unterdrückung der Freiheit anderer benutzt werden. Die Operation 1848 vergrößerte den Glauben des Zaren, dass der Westen keinen Mut habe, den russischen Vormarsch zu stoppen.

1853 besetzte die russische Armee ohne Kriegserklärung (ein typisches Merkmal der russischen Kriegsführung) die Fürstentümer Moldawien und Walachei, die sich unter dem türkischen Protektorat befanden. Der Vorwand war natürlich „der Schutz“ der dort lebenden Christen. Denn wenn Russland andere Länder erobert, so ausschließlich aus Mitleid und zum Schutz; bereits davor hatte es Polen, Lettland, die Krim, Georgien, Nordkaukasus und viele andere Gebiete beschützt und dabei einverleibt. Es interessierte natürlich niemand, dass in den Fürstentümern kein einziger Fakt einer Bedrohung der schutzbedürftigen Bevölkerung nachgewiesen wurde, wie auch die Tatsache, dass der Vertrag von 1828 Russland das Recht gab, im Falle einer Gefahr die christliche Kirche in Istanbul (aber nicht alle Christen zwischen Karpaten und Nil!) zu verteidigen. „Unheimlich breit ist der russische Mensch“, - wird 20 Jahre später Dostojewski sagen. Dementsprechend breit ist seine Deutung internationaler Verträge, im 19. wie im 21. Jh.

Eine Zeitlang sahen die anderen vier Großmächte dem Geschehen passiv zu. Die russischen Diplomaten in London, Paris, Berlin und Wien verfolgten die gleichen Taktiken wie heute: Verharmlosung („wir tun ja gar nichts“); diplomatische Verzögerungen, um Fakten zu schaffen (Marx: „Russland überreicht den westlichen Diplomaten so viele Noten, wie man Hunden Knochen wirft, um ihnen ein Vergnügen zu bereiten, während es selber die Gelegenheit hat, Zeit zu gewinnen“); oder Bestechung der westlichen Medien, um eine russlandfreundliche öffentliche Meinung zu bilden. So schrieb z.B. Guardian 1853 über »The Times«: „Die Zeitung wird in englischer Sprache gedruckt. Aber das ist das einzig Englische an ihr, sonst ist alles Russisch.“ Wer wissen will, was heute jener »The Times« entspricht, braucht nur zum nächsten Zeitungskiosk zu gehen. Das satirische Talent, mit dem Marx diese Tricks entlarvt, würde heute dem besten politischen Kabarettisten eine Ehre machen.

Erst als die offensichtlich unterlegene Türkei den Handschuh trotzdem aufnahm und der Krieg in eine heiße Phase überging, konnten sich die Appeasement-Regierungen in London und Paris nicht mehr über die Ziele Russlands hinwegtäuschen. Die Versuche der russischen Diplomatie, die Westmächte davon zu überzeugen, dass auch ihnen bei der Zerlegung der Türkei leckere Stücke ausfallen würden, schlugen diesmal fehl, da man begriff, dass die angestrebte Herrschaft des Zaren über ganz Balkan und die Osthälfte des Mittelmeeres das jahrzehntelange Gleichgewicht in Europa endgültig untergraben würde. England und Frankreich hatten keine andere Wahl, als die Türkei im Krieg zu unterstützen. Angesichts der militärischen Niederlage starb Nikolai, wie die Zeitgenossen sagten, „an der Krimgrippe“. Der Krimkrieg war der erste große Krieg in Europa seit Napoleon I. und der erste Stellungskrieg in der Geschichte, ein Vorläufer des Ersten Weltkriegs.

Obwohl der Friedensvertrag von 1856 äußerst großzügig war (Russland wurde lediglich gezwungen, den Status quo wiederherzustellen), hatte diese erste militärische Niederlage seit 150 Jahren eine unglaubliche Wirkung im Land, denn sie führte zu tiefstgreifenden Reformen in allen Bereichen der Gesellschaft – v.a. zur Abschaffung der Sklaverei und des starren Standessystems. Der gigantische wirtschaftliche und kulturelle Fortschritt Russlands zwischen 1860 und 1914 verdankt man den britischen und französischen Soldaten des Krimkrieges, denn ohne die Ohrfeige der 1850er kämen die Reformen der 1860er nicht zustande.

Angesichts so vieler Parallele zwischen der damaligen Krise und der gegenwärtigen überrascht uns noch mehr, dass Marx unser heutiges Déjá-vu auch noch vorhergesehen hat, denn er schrieb 1854 (und nicht heute, wie man glauben könnte): „Die auffälligste Eigenschaft der russischen Politik ist die traditionelle Gleichheit nicht nur ihrer Ziele, sondern auch der Art, sie zu verfolgen. Es gibt keine Komplikation in der gegenwärtigen [Krise], keinen Vorgang, kein offizielles Dokument, das man nicht aus schon bekannten Seiten der Geschichte zitieren könnte… Wenn der Erfolg seiner ererbten Politik die Schwäche der westlichen Mächte erweist, so zeigen die einförmigen Prinzipien dieser Politik doch zugleich die innere Barbarei Russlands selbst.“ Was befestigt diese Gleichheit der „ererbten“ russischen Politik, ihrer Ziele und Mittel, unabhängig vom Gewand der oberflächlichen Ideologie, ob Traditionalismus eines Iwan, ob die aufgeklärte Gestik einer Katharina, oder der Kommunismus eines Stalin, oder der Raubkapitalismus eines Putin?

Zweite Zeitreise: Das dritte römische Reich

Was heute das Mittelrussland ist, war im 13.Jh. der östlichste Teil der alten Rus, deren Zentrum südwestlich davon (in der heutigen Nordukraine) lag. Nach dem mongolischen Überfall war dieser Osten des Landes nicht nur 240 Jahre lang der treue Untertan, Alliierte und Tributzahler der Goldenen Horde. Die Russen dieser Region übernahmen das komplette mongolische Staatssystem, das mongolische Beamten- und Militärwesen und v.a. die absolute Autokratie, im Vergleich mit der die Regierung eines Sonnenkönigs fast wie eine Republik erscheint. Die Fürsten mussten ihre Titel in der Hauptstadt der Horde bestätigen lassen und ereiferten sich deshalb um die Gunst der Chane. Die drittrangigen Herrscher aus dem kleinen Städtchen Moskau übertrafen alle anderen in ihrer Servilität, wurden die Musterknaben der Mongolen, die sie entgegen allen dynastischen Regeln zu Großfürsten ernannten. Als jedoch die Mongolen infolge der inneren Konflikte und der Kriege gegen Timur ihre Kräfte verloren, erstarkte der Moskauer Staat und eroberte schließlich (im 16.Jh.) die kleinen Chanate, die sich zu dieser Zeit nach dem Zerfall der Goldenen Horde bildeten.

Gleichzeitig ging südlich von Russland ein anderes Reich zugrunde, die Byzanz, von der die alte Rus ihre Religion, Kunst, Alphabet, Architektur u.v.a. erhalten hatte. Der Fall von Konstantinopel war deshalb für die Russen von großer Bedeutung. Der Mönch Philotheus, der Chefideologe der Großfürsten, formulierte um 1500 ein politisches Konzept des „dritten Rom“, dessen historische Wirkung sogar Marx beneiden könnte (obwohl sein eigenes historisches Konzept auch nicht unwirksam blieb). Danach besteht die menschliche Geschichte aus drei imperialen Phasen: dem ersten Rom (d.h. Rom als die Hauptstadt des antiken Reiches), dem zweiten Rom (Konstantinopel als die Hauptstadt der Byzanz), und dem dritten Rom (Moskau als die Hauptstadt des künftigen Imperiums). Wenn sich um Moskau ein neues Weltreich formiert, geht die menschliche Geschichte zu ihrem Abschluss, denn, so Philotheus, „ein viertes Rom wird es nie geben“.

Somit kann man den Moskauer Staat vereinfacht als eine Synthese der Goldenen Horde und der Byzanz definieren, besser noch als die Goldene Horde, die davon träumt, das römische Reich zu werden. Russland ist prinzipiell nicht in der Lage, sich anders als ein Weltreich zu begreifen. Wenn eines Tages die USA ihren Status der Supermacht verlieren, so werden dort zwar manche imperialen Eliten gekränkt, aber der Masse der Farmer in Middle West oder den Freaks in Kalifornien wird es zutiefst egal sein, solange ihr Wohlstand nicht leidet. Ganz anders die Russen: Sie können sich gar nicht vorstellen, einfach eine Nation neben den anderen zu sein. Imperialismus ist für Russland keine Phase in der Entwicklung, die beginnt und endet, keine Krankheit, die kommt und vergeht, sondern sein Existenzgrund. „Das russische Imperialismus-Syndrom saugt man mit der Muttermilch auf“, bezeugt kein erbitterter Dissident oder westlicher Russenhasser, sondern ein durch und durch angepasster Russe, ein Industrieller, Duma-Abgeordneter und der Besitzer der größten Autohauskette im Land.

Damit Unterscheiden sich drastisch die russische und die ukrainische Geschichtsdeutungen. Russland empört sich, dass ein bisher untergeordneter aber historisch wichtiger Teil des Weltreiches inklusive der Wiege der Russen abtrünnig wird. Für die Ukrainer ist dagegen ihr Land der wahre Nachfolger des alten vormongolischen russischen Nationalstaates; Russland trete dagegen als Erbe der Goldenen Horde auf, und sein Angriff setze den Mongolensturm von 1240 fort. Die Tatsache, dass die ukrainischen Bauern auch unter polnischen Herrschaft persönlich frei blieben, aber mit dem Anschluss an Russland versklavt wurden, trägt auch nicht zur großen Liebe bei.

Aber ein (ost)römisches Reich ist gar keines, wenn es nicht über das Mittelmeer herrscht. Daher war und bleibt der Bosporus das Traumziel aller russischen Bestrebungen jeglicher Farbe. Das Asowsche Meer (Peter) und das Schwarze Meer (Katharina) waren die notwendigen Vorstufen. Es gab keinen russischen Zaren, der nicht einen Krieg für den Durchbruch ins Mittelmeer führte. Mit dem Ziel der Eroberung Istanbuls und der Meerstraßen trat auch Nikolai II. vor genau 100 Jahren in den Weltkrieg ein, was ihm und seiner Familie das Leben kostete. Auch heute versucht Russland einen Korridor um das Schwarze Meer zu bauen: von der 2008 annektierten Republik Abchasien über russisches Gebiet, die neueroberte Krim, den Südosten der Ukraine und den von niemand erkannten Landstreifen Transnistrien bis nach Moldawien. Dieses geostrategische Gebiet sollte ein Schiessbogen sein, dessen Pfeil in Richtung Bosporus zeigt. Aber die erste große Chance, sein Ziel zu erreichen, erblickte Russland um 1850, da sowohl die Türkei mit inneren Problemen kämpfte, als auch Westeuropa unter dem Schock von 1848 stand. Wie Nikolai I. versuchte, diese Chance auszunutzen, und was heraus kam, haben wir schon gesehen.

Ein unbequemer Patriarch

Der Russlandhass und die eindeutige prowestliche Anteilnahme Marx‘ erscheint uns unbegreiflich, weil sie sich in unsere politischen Denkschemata nicht einreihen lässt. Wir glauben, dass eine kritische Einstellung gegenüber den eigenen Regierungen mit der Leugnung sämtlicher Vorteile des eigenen Zivilisationsmodells einhergehen muss. Je strenger versucht man in Deutschland die Wörter wie „führen“ oder „Führung“ aus der Sprache zu tilgen, umso stärker sich der Wunsch drückt, dass ein anderes Land „ein Volk und einen Führer“ haben soll, egal ob dieser Putin, Castro, Chavez oder Assad heißt. Wir glauben, dass wir unser kritisches Denken dadurch beweisen, dass wir unseren Politikern stets ungenügendes Verständnis für die Sensibilität von Terroristen und Tyrannen vorwerfen, denn – wie schrecklich! - ein Tyrann könnte sich durch unvorsichtige Gesten einer Frau Merkel gekränkt oder um Gottes Willen sogar bedroht fühlen. Wir schäumen vor Wut, wenn unser Politiker wegen Vorteilnahme von ca. 700 Euro unter Verdacht steht, sind aber gleichgültig, wenn der Generalstaatsanwalt in einem Nachbarland in vier Jahren seiner Amtszeit ein Milliardenvermögen ansammelt. Was für eine westliche Arroganz wäre es, wenn wir es uns erlauben würden, die Nachbarn zu belehren, wie sie leben sollten. Vielleicht gehören dort die Staatsanwälte mit Jahreseinkommen von vielen Millionen Euro zur lokalen Kultur, die wir zu respektieren haben!

Diese ganze Weltanschauung war Karl Marx völlig fremd. Dabei meine ich nicht bloß, dass spätere Marxisten oft andere Positionen vertraten als Marx selbst. Das stimmt trivial für jeden Ideologiegründer. Auch die selbstverständliche Tatsache, dass Marx‘ russlandkritische Texte im Ostblock unter strengstem Verbot standen, braucht keine Erläuterung. Es handelt sich um eine vollständige Perversion der Vorstellung über die Rolle eines fortschrittlichen („linken“) Intellektuellen im Westen.

Marx war einer der giftigsten Kritiker der zeitgenössischen Gesellschaft, einer der schärfsten in der europäischen Geschichte. Aber im Gegensatz zu uns heute verwechselte er Selbstkritik mit Masochismus nicht. Auch in den Schriften 1852-61 prangert er jeden noch so gering erscheinenden Fehler westlicher Politiker gnadenlos an. Seine Kritik wäre auch heute richtig am Platz. Seine sarkastischen Passagen über die Hilflosigkeit europäischer Politiker, ihre Unentschiedenheit, Konzeptlosigkeit, kurzsichtiges Reagieren, Unfähigkeit eine gemeinsame Linie durchzuführen, scheinen alle 2014 geschrieben zu sein. Aber diese Kritik macht nicht seine Augen blind auf die Verbrechen der anderen Seite. Bekannter weise hasste und verachtete Marx niemanden mehr als Napoleon III., „diesen Straßenräuber“. Im Krieg mit Russland war er jedoch zu 100 Prozent auf Napoleons Seite und wünschte ihm allen Erfolg. Das war kein Widerspruch: Hinter dem verabscheuten Reaktionär Bonaparte erkannte er Frankreich, eine fortschrittliche, produktive, moderne Kulturnation. Im Gegenteil erreichte Russland nach seiner Meinung nicht einmal das soziale Niveau einer europäischen Sklavengesellschaft, weil diese zumindest die Existenz einer Klasse der unabhängigen Menschen, nämlich der großen Sklavenbesitzer, voraussetzt, während in Russland im 19.Jh. sogar Fürsten zu Sklaven gemacht wurden – genau so wie im 20.Jh. jeder kommunistische Parteiboss und heute jeder Industrieller über Nacht entmachtet, enteignet und ins Straflager geschickt werden kann.

Marx war vollkommen klar, dass eine konstruktive Kritik an die westliche Zivilisation (die übrigens - und das wusste er auch sehr gut - die einzige Zivilisation in der Geschichte war und ist, die eine solche Kritik systematisch kultiviert!) nur aufgrund der fundamentalen Werte derselben Zivilisation erfolgen kann und muss. Er war in dieser Hinsicht sogar nicht besonders originell, denn das klare Bewusstsein der eigenen Werte war damals eine völlig normale Position eines jeden kritischen Denkers. Noch Johannes der Täufer rief das Volk zur Buße und Umkehr auf, aber nicht zum Abwenden von seinen Grundlagen oder zur Anbetung der fremden Götter. Martin Luther, der die tausendjährige Tradition der christlichen Kirche mit einem Schlag zu einer Lüge erklärte, rief nicht dazu auf, zum türkischen Glauben zu konvertieren. Auch der andere Martin Luther hatte seinen Traum davon, dass die schwarzen Amerikaner ihren eigenen freien »American way« gehen können, natürlich auf der Grundlage der US Constitution und nicht auf dem Gesetz des kongolesischen Dschungels. Die heute von den westlichen Intellektuellen so selbstverständlich erscheinende Idee der Relativität aller Lebensformen, der zivilisierten wie der barbarischen, wäre all diesen Personen genauso fremd wie Marx. Sie hätten diese Idee gar nicht verstehen können.

Sämtliche von Marx entwickelte Geschichtsschemata waren für die Entwicklung der westlichen Gesellschaften vorgesehen, während sich nicht-westliche Länder wie Russland im besten Fall dieser Entwicklung anschließen könnten, falls sie es je schafften, aus den tausendjährigen Träumen von der Weltherrschaft zum produktiven Leben durchzubrechen. Wenn im 19.Jh. ein europäisches Volk gegen seine korrupten Eliten rebellierte, und wenn ein asiatischer Barbar mit seiner unzähligen Armee versuchte, diese Revolution unterzukriegen, so durfte damals kein Mensch, der es wagte sich „fortschrittlich“ zu nennen, zweifeln, wem er zu sympathisieren hat. Die Argumente nach der Art „keiner hat 100 Prozent Recht“, „ah, wir haben auch Fehler gemacht“ usw. hatten damals beim Urteilen über die politische Lage genau so viel Gewicht, wie heute das Argument „sie sollte nicht so spät abends ausgehen“ beim Urteilen über eine Vergewaltigung hat.

Krimkrieg Version 2

Der 27.02.2014 bezeichnet den Anfang einer neuen Ära, obwohl die meisten von uns das nicht bemerkt haben – so, wie wir einen an BSE gestorbenen Bullen wahrnehmen und Tausende am Asthma gestorbene Menschen nicht. Die tragische Ironie besteht darin, dass von allen Ländern der Welt ausgerechnet die Ukraine die absolut besten Sicherheitsgarantien hatte. Drei der fünf größten Atommächte versprachen 1994 feierlich, für die Unversehrtheit der ukrainischen Grenzen zu bürgen. Wenn diese Garantien nicht funktionieren, dann funktioniert nichts mehr. Das internationale Recht hat von nun ab lediglich eine historische Bedeutung. Alle Verträge, alle Verhaltensnormen sind auf einmal gebrochen, sogar jene, die noch in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts galten. Der UNO-Generalsekretär sieht darin ein klares Signal an Nordkorea und den Iran, das Atomprogramm nicht aufzugeben, da in der Welt nach dem 27.02.2014 keine verträglichen Garantien mehr gelten.

Aber auch in taktischer Hinsicht stehen die Innovationen Putins denen von Al Qaida in nicht nach. Zum ersten Mal wird die Soldateska an die Front in einer Uniform ohne Abzeichen geschickt, so dass ihre Taten nach Belieben mal verehrt, mal verleugnet werden können. Zum ersten Mal werden die Gewaltkriminellen aus den Gefängnissen entlassen und über die Grenze in ein Nachbarland geschickt, damit sie ihre Frust dort auslassen können. Zum ersten Mal werden beim militärischen Angriff die Zivilisten, meistens Frauen, vor den Angreifern als lebendiges Schutzschild getrieben, um die Soldaten vor dem Gegenangriff zu schützen. Und diese Taktik wird nicht mal verschwiegen, sondern vom Staatspräsident im offiziellen Interview angekündigt!

Wir haben keine ausreichende Vorstellungskraft mehr, um die Ausmaße der russischen patriotischen Paranoia zu begreifen. Professoren für Politikwissenschaft erklären in Moskau, für die militärisch Stärkeren seien keine internationalen Verträge bindend. Die regierungstreuen Demonstranten in Moskau – zwar formell private Menschen, aber streng uniformiert – sprachen am 15.03. vom „heiligen Krieg“. Aber die offiziellen Personen stehen ihnen nicht nach. Der Außenminister Lawrow formulierte noch 2008 die Doktrin, der zufolge der russische Staat überall in der Welt militärisch eingreifen kann, wo auch immer er einen russischen Bürger bedroht sieht. Am 7.03.2014 trieb der Präsidentensprecher Dmitri Peskow diese Doktrin ins Wahnhafte, indem er den russischen Präsidenten zum Beschützer und Garanten der sogenannten „russischen Welt“ erklärte, zu der alle Menschen mit russischen kulturellen Wurzeln gehören, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft. Allein ein „begründeter Verdacht“, dass an einem Ort der Erde die Rechte eines russischen Menschen verletzt werden, gebe Putin das Recht und sogar die Pflicht, alle Mittel einschließlich der militärischen anzuwenden.

Diese Herausforderung sollte nicht unterschätzt werden. Nikolai I. war zu konservativ und die altkommunistische Regierung in Moskau hatte in ihrem Schrank neben dem Atomkoffer auch ein paar Tassen mehr als die gegenwärtige. Die Sowjets schätzten die Stabilität der inneneuropäischen Grenzen so hoch, dass sie sogar die verhassten Diskussionen über Menschenrechte akzeptierten, nur weil diese zwei Prinzipien (die Menschenrechte und die Stabilität der Grenzen) verlinkt wurden. Heute bricht die russische Regierung dieses Prinzip wie auch alle Verträge, Normen und Regeln der Politik und der Kriegsführung.

Der vernunftvolle Europäer könnte dies von oben herab in die Domäne der Psychiatrie abtun, wenn er schon seine eigene Geschichte des 20. Jahrhunderts vergessen hat, die ihn über die politischen Auswirkungen psychiatrischer Phänomene eigentlich gut belehrt haben sollte. Denn Diktaturen haben zahlreiche Vorteile. Von einer Handvoll der Oppositionellen abgesehen, traut das Volk dem Diktator, beklatscht seine außenpolitischen Erfolge unabhängig von der innenpolitischen Lage und folgen ihm bedenkenlos - auch in den Abgrund. Wir sind dagegen von der sprichwörtlichen Politikverdrossenheit geplagt, von den Skandalen über „Korruptionsaffären“ (in welchen es sich meistens um die Summen handelt, deren sich ein östlicher Politiker schämen würde, sie seinem kleinen Kind als Taschengeld zu erteilen), von den „schlaflosen Diskussionen über drei Glühbirnen“ (ausnahmsweise nicht Marx, sondern Sarkozy) und von der stets mit Kapitalismus verwechselten Managerherrschaft mit ihrer Vierteljahres-Kurzsichtigkeit. In den Worten von Karl Marx, "[Der Westen] schreckt von der einzigen Politik zurück, die zugleich den Frieden gesichert und seine Selbstachtung bewährt hätte. Die Überheblichkeit des Autokraten hat er mit Zeichen der Feigheit beantwortet. Wenn er vom Anfang an eine männliche Sprache geführt hätte, die der Macht des Westens und seiner Verantwortung vor der Welt angemessen ist, wenn er bewiesen hätte, dass Prahlen und Großtun ihm nicht imponieren, so hätte der Zar nicht nur seine Versuche unterlassen, sondern hätte ihm ein anderes Gefühl entgegengebracht, als die Verachtung, die er jetzt im Herzen tragen muss.“

Denn es gibt einen einzigen Punkt, an dem in Russland sogar die politischen Feinde über alle Parteien hinweg einig sind, von Putin-Fans zu Putin-Hassern, von regierungstreuen Bürokraten zu den bösesten Dissidenten, und dieser Punkt ist die maßlose Verachtung für Europa. Eines ist jedem Russen klar: Europa werde in diesem Konflikt keine Rolle spielen. Europa sei entmannt: Ein Kontinent der Impotenten. Und welches andere Gefühl hätten Sie den Menschen entgegengebracht, die, während internationale Garantien der Atommächte vom Wert des Toilettenpapiers ausgegeben werden, den Aktienverlust um 0,5 Prozentpunkte als Katastrophenszenarium betrachten?

Aber schauen wir zum letzten Mal in die Epoche der ersten Krimkrise. Militärisch stark, war Russland politisch und wirtschaftlich ein zurückgebliebenes Land, soziologisch gesehen sogar hinter der Zeit der Katharina, die 70 Jahre davor immerhin nicht völlig autokratisch regierte, sondern ihre Macht auf eine unabhängige aristokratische Elite stützte. 40 Jahre lang hatte es keine Reformen gegeben. Die Wirtschaft stagnierte, die Bauern waren versklavt und das Bürgertum entrechtet. Der Expansionsdrang wurde nicht nur von der militärischen Stärke, sondern vielmehr von der sozialen Schwäche bedingt.

Die gleiche Situation haben wir heute. Mit seiner Atomwaffe, seinen riesigen Gas- und Erdölreserven und seinem Sitz im Weltsicherheitsrat hat Russland enormen Einfluss auf die Weltpolitik. Andererseits hat es im Jahre 2014 immer noch keine Modernisierungsreformen durchführen können und befindet sich in Hinsicht auf Offenheit und Diversifizierung seiner Wirtschaft hinter den arabischen Emiraten. Wenn man das Produkt aus der Öl- und Gasförderung abzieht, beträgt das russische BIP nur 2,4 Prozent des BIP der EU. Es gibt keine von der Exekutiven unabhängige Justiz. Im Korruptionsrating besaß Russland 2013 den Platz 126 zwischen Pakistan und Bangladesch, weit hinter Ägypten und Indonesien, dafür aber den stolzen 1.Platz in der Welt bei der Geschwindigkeit der Bevölkerungsabnahme sowie bei der Anzahl der Kinder, die von ihren Eltern verlassen werden. Der durchschnittliche russische Mann erlebt seinen 60-jährigen Geburtstag nicht. Die mittlere Bevölkerungsdichte auf den östlichen zwei Dritteln des russischen Territoriums beträgt zwei Personen pro qkm. Und das vielbesprochene russische Gas wäre immer noch unter der Erde ohne die modernen Maschinen, auf denen „Made in Germany“ steht.

Die Schwächen des Westens sind längst bekannt, haben aber seinen Triumphzug bisher nicht wesentlich gehindert, da dieselbe Demokratie, Kompromissfähigkeit und die einzigartige Selbstkritikfähigkeit - all die Eigenschaften, die Putins Leute als entscheidende Schwächen betrachten - sich letztlich als entscheidende Stärken erwiesen haben. Wirtschaftlich ist die westliche Welt gegenüber Russland alpenhoch überlegen. Ein paar Prozent von den Summen, die wir ausgeben in der Hoffnung, die Erdtemperatur um 0,1 Grad zu senken, würden reichen, um jeden Gegner in wenigen Wochen auf die Knie zu zwingen. Was fehlt, ist das Bewusstsein der eigenen Stärke. Dafür sollte die Selbstkritik vorwärts- und nicht rückwärtsgewandt ausgerichtet werden, die europäische Integration sollte auf das gemeinsame Engagement der freien Bürger abzielen und nicht auf Vereinheitlichung des Gurkenformats, der freie Wettbewerb zwischen europäischen Staaten und Regionen sollte die Dschingis-Chan’sche Unifikationsidee vertreiben, und im westlichen Wertekanon sollten die Würde des Menschen und der Respekt vor dem Recht eine höhere Priorität wiedererlangen als das Gebot der immer höheren Boni. Die zahlreichen Krankheiten unserer Demokratie sollten nicht durch die Anbetung asiatisch-autoritärer Systeme im Sinne von Putin-Erdogan-Orban, sondern durch noch mehr Demokratie behandelt werden, durch eine bessere Justierung von direkten und repräsentativen Demokratieelementen. Und wieder können wir mutatis mutandis den Worten von Marx zustimmen:

„…wenn wir ein wenig tiefer in die Ursachen der relativen Schwäche [des Westens] schauen, so finden wir sie ermutigend. Westeuropa ist schwach und ängstlich, weil seine Regierungen spüren, dass sie sich überlebt haben und dass ihr Volk nicht mehr an sie glaubt. Die Nationen stehen über ihren Herrschern und vertrauen ihnen nicht mehr… Mit würdigeren sozialen Verhältnissen…, mit freier Wirtschaft (so: Karl Marx!) und Gedankenfreiheit werden die westlichen Völker Entschlusskraft und Einigkeit wiedergewinnen, während der russische Koloss vom Fortschritt der Massen und der explosiven Kraft von Ideen zerschmettert werden wird. Es besteht kein Grund, die Eroberung Europas zu befürchten. Gerade die Gespaltenheit und augenblickliche Schwäche, die solch ein Unternehmen leicht erscheinen lassen, sind die sichere Bürgschaft seiner Unmöglichkeit.“

Prof. Dr. Boris Kotchoubey forscht am Institut für Medizinische Psychologie der Universität Tübingen. Herzlichen Dank noch einmal für die Erlaubnis, Ihren Text auf dieser Seite veröffentlichen zu dürfen.


 

Hinterlasse einen Kommentar