Der Pope hilft!

Jahrzehntelang wurde der Glaube in den Sowjetrepubliken unterdrückt. Es war einer der größten Fehler der sozialistischen Ära. Nach dem Zerfall der Sowjetmacht erlebte die orthodoxe Kirche auch in der Ukraine eine beispiellose Renaissance. Schon bei meiner ersten Fahrt im Jahre 2003 sah ich vieles im Land im Argen liegen. Aber nicht nur Tankstellen, auch neue Kirchen sind wie Pilze aus dem Boden geschossen - und was noch erhalten war, wurde liebevoll restauriert. Verfallene oder ungepflegte Kirchen sah ich nirgends.

Und auch bei privaten Problemen und gesundheitlichen Zipperlein wird wieder gern der Rat eines Popen gesucht. Popen sind die Priester der orthodoxen Kirche. In der Ukraine nennt man ihn „Piep“ (ich bleibe lieber bei der russischen Bezeichnung). Aber Pope ist nicht gleich Pope! Es gibt mittlerweile Popen, die sich über ihr Dorf hinaus einen Namen gemacht haben und von denen man sich regelrechte Wunder erzählt. So auch von dem Priester in dem kleinen Dorf Halahanivka.

Mascha und Dascha¹ sind 2 Frauen in unserem Dorf, Mutter und Tochter. Beide hatten es nicht leicht in ihrem Leben. Der Mann / Vater ist früh gestorben und als wenn das noch nicht genug wäre, zanken sich die beiden sehr oft. Nach einem langen und furchtbaren Streit suchte die Mutter Mascha Trost bei ihrer Nachbarin, einer sehr gläubigen Frau. Diese erzählte ihr auch von ihren Sorgen mit ihren Söhnen und wie sie diese mit Hilfe des Popen von Halahanivka lindern konnte. „Mascha, nimm Deine Tochter und fahre Sonntag früh zu ihm. Er weiß garantiert Rat, er hat schon so vielen Menschen geholfen! Suche Hilfe im Glauben, geh in die Kirche.“

Für Mascha war dieses Ansinnen etwas unangenehm. Rat bei fremden Menschen zu suchen und sich einem Priester zu offenbaren, das schmeckte ihr überhaupt nicht. Sie erzählte es aber doch ihrer Tochter. Und diese war überraschender Weise sofort einverstanden. Also machten sich die beiden am nächsten Sonntag in aller Herrgottsfrühe auf den langen Weg nach Halahanivka. 60 Kilometer mussten sie mit dem Bus fahren, bis sie endlich ankamen. Viele Menschen standen schon vor der Kirche, sogar eine ganze Hochzeitsgesellschaft wartete auf den Priester und den Beginn des Gottesdienstes. Man kaufte Kerzen, Kreuze und kleine Ikonen. Als es begann, war die Kirche brechend voll. Die Bittsteller und Hilfesuchenden standen in einer Reihe und warteten auf den Popen.

Als dieser dann kam, fragte er Mascha „Wie kann ich Dir helfen?“ Das hatte sie nicht erwartet. Im Glauben daran, den weiten Weg auf sich genommen zu haben, um in Ruhe und allein mit dem Popen reden zu können, soll sie nun inmitten all der Menschen von ihren Problemen erzählen? „Meine Tochter und ich streiten uns sehr oft.“ war das einzige, was Mascha in diesem Augenblick herausbrachte. Der Pope hatte eine Antwort, die einen Konfuzius blass aussehen lassen würde. „Na dann streitet nicht mehr!“ war sein weiser Rat und er ging zum Nächsten …

Müde und kaputt von der langen Busfahrt kamen die beiden Frauen am Nachmittag wieder nach Hause. Hat es geholfen? Ich weiß es nicht. Aber die Nachbarn erzählten mir, dass es danach ziemlich lange ruhig bei Mascha und Dascha war.

¹ Namen geändert


 

Hinterlasse einen Kommentar