Unsere Lieblinge: Irma und Emma (1)

Habe ich schon erzählt, dass es auf dem Dorf keine Klingeln gibt? Ich habe diese technische Errungenschaft noch nirgends erblickt. Wirklich! Und ich habe auch noch keinen Hof ohne Hund gesehen. Oh, und da gibt es ja so viele. In mancherlei Grundstücken kläffen oft auch mehr als einer, sobald man sich dem Grundstück nähert. Und was für welche! Von bisslustigen, kleinen, fiesen Ratten bis zu sanftmütigen, halben Kälbern - da ist alles und in fast allen Farben dabei.

Rassen? Da kenne ich mich nicht aus. Ich bin mir aber in einem sicher: Sollte ein ernsthafter Artenforscher sich einmal in die Ukraine verirren, er hätte helle Freude an seiner Arbeit.

Aber Vorsicht! Die Hunde führen hier ein Eigenleben. Viele der kleinen Biester haben den Dreh raus, sich von der Kette zu lösen und springen gern in Nachbars Garten und suchen nach Leckerlies oder einer läufigen Hündin. „Der Hund ist des Menschen treuester und bester Freund“ sagt man zumindest in Deutschland. Viele Dorfbewohner hier haben davon noch nie gehört. Der Hund ist nicht zum schmusen da, er hat seine Aufgabe. Er hat aufzupassen, zu bellen, wenn sich jemand dem Grundstück nähert und gefälligst die Suppen- und Brotreste, sowie an Sonntagen die Knochen vom Hühnchen oder der Gans zu fressen.

Auch wir haben keine Klingel und als wir ankamen, auch keinen Hund. Und ich muss gestehen: Ich mag fast 2m groß sein, Hunde waren mir jedoch nie ganz geheuer. Ja, der Entlebucher Sennhund Tomba unserer schwedischen Freunde, das ist ein Spezi und mit ihm kam sogar ich klar. Nur, so einen in der Ukraine finden? Das  kann ich mir nicht vorstellen. Also was machen? Wenn schon ein Hund, dann etwas richtiges und um Gottes Willen nicht so eine Mischung aus Pekinese, Windhund, Pinscher und Bulldogge, den ich vielleicht im Dunkeln mit einer Fußmatte vertauschen könnte. Meine Frau meinte, schauen wir doch mal bei от и до rein, der hiesigen Flohmarktzeitung. Und eine der ersten Anzeigen lautete „3 Monate alte Schäferhundwelpen von prämierten Eltern abzugeben.“ Aber der Preis hatte es in sich und lag in Höhe eines hiesigen Monatslohns. Milla meinte „Ach, lass mich mal machen.“

Sie telefonierte, redete und fragte ganz einfach, ob sie vielleicht ein Fahrrad mit 24 Gängen brauchen könnten? Da hatten wir ja eines übrig. Und wie das Glück es will, der Besitzer zeigte sich doch wirklich interessiert. Er kam auch gleich vorbei, schaute das Fahrrad an und ein Handschlag; er wäre einverstanden. Also auf zu ihm nach Tscherkassy. Als wir auf seiner Wiese standen, pfiff er. Aus allen Ecken kamen nun die kleinen Racker angerannt plus die Mutter Irma. Meine Frau sah sofort, dass es wirklich eine gute – und vor allem gut erzogene – Mutter war. Sie gehorchte ihrem Herrchen aufs Wort und sogar auf Armbewegungen. Wow, da war sogar ich ganz hin und weg. Und vor allem, die süßen kleinen Welpen! Aber welchen nehmen? Milla meinte, ein Rüde hängt eher am Frauchen, hingegen eine Hündin bevorzugt den Mann in der Familie. Ha! Da war die Entscheidung gleich ganz simpel, denn es gab nur noch einen weiblichen Welpen und die Kleine hatte es mir tatsächlich sofort angetan.

Tja, so schnell gehen Geschäfte über die Bühne und so schnell kommt man auf den Hund. Aber wie soll unsre Kleine denn heißen? Den Namen konnten wir selbst aussuchen, er sollte aber, wie die Mutter mit i anfangen. Wir versuchten einiges. Ines, Irina, Isabell … die Kleine wollte einfach nicht hören! Wenn wir aber den Namen ihrer Mutter riefen, war sie sofort da. Also, warum nicht? Dann heißt unsere Schäferhündin eben auch Irma!

" src="/uploads/.thumbs/image/2011/10/irma3.jpg" height="150" width="150" />Und „Irma Loreena“ (so der volle Name) lebt mit uns, sie gehört voll und ganz zur Familie. Sie hat mir die Angst vor Hunden genommen, ist meine persönliche Fitnesstrainerin und weicht mir nicht von der Seite. Sie ist eben eine treue Seele. Viele Menschen könnten sich von dieser hingebungsvollen Liebe ohne Wenn und Aber eine Scheibe abschneiden. Selbst wenn wir mal nur für ein paar Stunden nach Tscherkassy fahren müssen, der Abschied fällt uns beiden jedes mal schwer. Und mich hält es nicht lange fern von ihr. Im Dorf gehen wir immer zusammen einkaufen, zu Fuß oder mit dem Rad. Ein Fahrradschloss benötige ich da nie. Und ich vertraue ihr, verzichte sogar auf eine Leine. Irma weiß das durchaus zu schätzen und enttäuscht nie mein Vertrauen in sie.

Und so eine Hundeliebe ist hier doch eher selten. Wildfremde Menschen sprechen uns auf Irma an und können kaum glauben, wie lieb und brav ein Hund sein kann. Viele Kinder kennen mittlerweile Irma, grüßen uns und möchten sie mal streicheln. Sie rufen schon von weitem nach „Rex“ – die österreichische Fernsehserie mit dem Hundekommissar ist auch hier sehr beliebt. Tja, so schnell kann es gehen. In Deutschland war ein Hund, und dann gar ein Schäferhund absolut keine Frage für mich. Da waren mir 2 Wellensittiche schon zu viel. Aber – so schnell kann es gehen und ich kann mir jetzt schwer vorstellen, ohne meine Irmusia zu leben.


 

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