Nachtgedanken [3]

Wieder flitzen die Gedanken durch den Kopf. Euphorie – Melancholie, Wut – Angst, Patriotismus – Pessimismus. Aktuell erleben wir ein Wechselbad der Gefühle im Sekundentakt. Und wieder habe ich das ein oder andere aufgeschrieben:

Udo Lielischkis erzählte gestern in der Tagesschau, dass ein lokaler Sender auf der Krim eine Umfrage gestartet hat. 88% wären demnach für einen Verbleib in der Ukraine, 12% sind dagegen. Auch andere Erhebungen kommen zu einem Ergebnis pro Ukraine. Natürlich ist das nicht repräsentativ, bestätigt aber meine Vermutungen. Die Gegner von Demokratie, Antikorruptionsmaßnahmen und mehr Gerechtigkeit auf der Krim schieben die sogenannten, angeblichen „Kiewer Faschisten“ nur vor. Klar haben die Angst vor denen, ist ja ganz logisch. Als Nutznießer, Mittäter und Mitläufer von Janukowitschs Mafiabande hätte ich auch Angst! Kommt doch hin, oder?

Dazu passt eine Meldung des hiesigen TV, dass unter Janukowitsch von den (eigentlich) staatlichen Einnahmen in den Oblasten nur 20% wirklich im Staatssäckel gelandet sind!

Aber es gab gestern auch schöne Meldungen. Mein Freund Kurt aus der Westukraine hat nicht aufgegeben und mit Unterstützung des Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz brachte man mehrere Schwerverwundete vom Maidan endlich zur Behandlung nach Deutschland. Darunter ein Mann, der längere Zeit von Janukowitschs Schergen eingesperrt war und dem man die Behandlung seiner Wunden verweigerte. Jetzt leidet er an akuter Sepsis. Wir hoffen, dass den Menschen in Deutschland geholfen werden kann! Vielen Dank an dieser Stelle an alle, besonders auch an den Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz, der sein Versprechen vor dem Bundestag eingehalten hat und persönlich den Transport begleitete! MOLODJEZ! Hier ein Bericht darüber beim Senders 112.UA.

Eine Freundin von uns hat mit einem Verwandten in St. Petersburg telefoniert und erzählte uns davon. Sie fragte ihn: „Hast Du das gehört? Russische Soldaten sind auf der Krim!“ Er antwortete: „Quatsch, das sind Nationalisten, Banderaleute aus Kiew!“ Es ist unfassbar, welche Lügen in russischen Medien verbreitet werden. Und es ist bezeichnend für das ukrainische Volk, wie sich der Zorn ausschließlich gegen die russische Regierung richtet und nicht gegen die Russen allgemein.

Gestern war auf dem Roten Platz eine Großdemo der Unterstützer Putins. „Sie wollen ihren Brüdern helfen“, so der Tenor. Man hat aber eines vergessen. Der Bruder ist volljährig und hat nicht um Hilfe gebeten!
Dann war ein ehemaliger Putinberater bei „Schuster Live“, einer bekannten Talkshow in der Ukraine. Er sagte, die Pläne zur Okkupation der Krim existieren schon seit 6 Jahren! Und der Ukraine blieben noch 2 Tage, am Montag würde die Staatsduma darüber entscheiden, dass die Krim offiziell zu Russland gehören wird. Weiter sagte er, Verhandlungen mit Russland sind nicht sinnvoll und vergleicht das mit den Verhandlungen mit Hitler. Meldung bei espreso.tv

Noch eine schöne Aktion fand auf dem Maidan statt. Kinder schnürten Pakete für Putin. Darin Briefe von ihnen und Kriegsspielzeug...

Aber zurück zu meinen Gedanken. Was meint Ihr, geht in einem vor, wenn man direkt betroffen ist? Ich fühle mich nicht fremd in diesem Land, ganz im Gegenteil. Dann wäre ich schon längst weg. Nein, ich bin sogar froh, jetzt hier zu sein! Mit meiner Frau jetzt in Deutschland sein? Undenkbar, sie würde das nicht aushalten. Jede Minute die Ungewissheit und die Frage, was wird aus unseren Enkelinnen? Ich habe diesen Blog, kann aus der Ukraine berichten. Meine Frau hilft, wo sie kann. Leider fällt es mir immer schwerer, ruhig zu bleiben, sprachlich nicht auszurasten. Jeder fragt mich hier „Was sagt und was macht Deutschland?“ Kaum jemand in Deutschland weiß, wie hoch man euch hier schätzt! Was soll ich antworten?

Das „heilt“ einen. Man sieht jetzt auch die Bemühungen des Auslands in einem ganz anderen Licht.

Ich akzeptiere ja, dass die dt. Bundesregierung den diplomatischen Part übernommen hat, sie hat ja durchaus noch das engste Verhältnis zu Putin. Aber wann werden Frau Merkel und Herr Steinmeier merken, dass man so nicht weiter kommt? Ich hatte durchaus Verständnis dafür, dass man redet, auch weiterhin versucht, auf diesem Weg eine Lösung zu finden. Aber gleichzeitig muss man doch zeigen, wie Ernst man es meint? Wie wäre es, wenn die EU den Gashahn zudreht?

Das wäre eine klare Ansage! Und das nimmt den Russen ein Druckmittel. Oder: Strengste und penible Kontrollen bei Ein- und Ausreise von Russen. Wäre doch eine schöne Übung für den Zoll. Braucht man mehr Ideen? Fakt ist: Der Russe versteht nur ein klares "Nein!".

Nutzt doch endlich die Medien richtig! Putin pokert. Auch wenn man es nicht will und sich selbst vielleicht für redlicher hält, da muss man wohl oder übel mitspielen. Sagt öffentlich den deutschen Firmen Hilfe zu, wenn die Sanktionen verhängt werden. Wertet den Stellenwert der wirtschaftlichen Beziehungen mit Russland ab. Verharmlost es. Auch wenn die Zahlen eine andere Sprache sprechen sollten und Putin das weiß, verunsichert ihn! Sagt, dass es schwer wird, aber man es auch ohne Russland schafft! Bleibt doch Eurem Anspruch, ein Vorbild in Sachen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu sein, gerecht! Zur Not eben auch mit solchen Mitteln.

Soviel für heute. Die Bilder hier im Text schickte mir unser  Stammleser Thomas. Er war gestern in Berlin an der ukrainischen (oberen Bilder) und der alternativen ukrainischen Botschaft (Bild links). Vielen Dank Thomas!


 

Hinterlasse einen Kommentar