Gastbeitrag: »Jens Jessen – ein prorussischer Kriegshetzer?«

Boernepreis-2012-ffm-jens-jessen-051Betrachtungen eines deutschen Residenten in der Ukraine zum Artikel „Teufelspakt für die Ukraine“ in DIE ZEIT Nº 14/2014 | 28. März 2014 | 16:59 Uhr

Jens Jessen stellt die Nachkriegsgrenzen nach dem heißen Krieg und die Grenzen nach dem kalten Krieg in Frage und soll, so vielleicht sein Auftrag von Kreml-Chef Putin, die ideologischen Bereitschaften für die Anerkennung weiterer Annexionen des Kremls schaffen. Das ist Kriegsvorbereitung und man sollte solchen Leuten das Handwerk legen.

Der Zankapfel ist jetzt die Krim und morgen vielleicht Karelien?
Wenn die Krim kein integraler Bestandteil der Ukraine war, wohin gehörte sie dann?

Alle Lebensadern der Krim sind mit der Ukraine verbunden. 1944 hat Russland alle Urbewohner der Krim, die Krimtataren deportiert und selbstherrlich „treue Staatsdiener und Parteifunktionäre“ (was immer das hieß) mit einem Wohnsitz auf der Krim belehnt. Die defizitäre Krim sollte aber die Ukrainische Sozialistische Sowjet Republik (USSR) schultern. Die infrastrukturelle Erschließung ging zu Lasten des Haushaltes der USSR und ist noch heute so strukturiert. Auch sieht Jessen die Unionsrepubliken der Ex-SU nicht als föderal verbundene Nationalstaaten, sondern als Verwaltungseinheiten.

Man kann denken was man will, die SU war eine genau solche Union, wie Russland eine Föderation ist. Die formelle Rechtmäßigkeit des Aktes von Chruschtschow lässt sich belegen. Die Rechtmäßigkeit der Okkupation und Angliederung der Krim nicht.
Gehandelt wurde in einem Staat, der als Völkerrechtssubjekt anerkannt war und der seine inneren Angelegenheiten nach seinen Gesetzen geregelt hat. Die Übertragung der Krim in die Verwaltungshoheit der USSR ist nach den Regeln der Gesetze der SU erfolgt. Ob durchgewinkt und angewiesen oder nicht.

Wir können heute nicht über nationale Identitäten streiten, wenn wir 1991 die Völkerrechtssubjekte in der Form anerkannt haben, wie sie aus dem Verbund der Sowjetunion entlassen wurden. Genauso kann man nicht sagen, dass die Krim integraler Bestandteil der Russischen Föderation gewesen sei. Seit wann gibt es die denn? Wenn man sich als Rechtsnachfolger des Zarenreiches versteht, dann ist man auch an die Verträge Russlands mit der Türkei zum Beispiel gebunden!

Der Verweis auf eine Idee der noch idealistischen Revolutionäre, die „Korenisazija“ war keine Verankerung der Revolution in den durch Waffengewalt angeschlossenen Gebieten und Ländern, sondern die Unterwanderung der Völker mit linientreuen Russen um die Völker von innen heraus auf Moskaukurs zu bringen und halten zu können. Die Attraktivität des „sowjetischen Systems“ war aber so abschreckend, dass für Stalin der Prozess zu lange gedauert hätte und er kehrte den Plan um und russifizierte seine Sowjetunion.

Es wurde keine Revolution verankert. Eine Diktatur, die der Bolschewiki, wurde auf den Bajonetten in andere Staaten transportiert. Nach dem Zerfall des Zarenreiches hatte sich eine Ukrainische Volksrepublik ausgerufen, als bürgerliche Demokratie. Das gefiel den Moskauer Leningetreuen nicht und sie führten Krieg gegen die junge Ukraine. Moskau okkupierte einen Staat und keine Verwaltungseinheit. Das geschah in einem blutigen Krieg gegen das Volk der Ukraine.

Der Staat Ukraine musste nicht gedacht werden, die Ukraine war als Staat einverleibt worden! Sicher ist Ihnen und Ihren Linken entgangen, dass Ihr Generalissimus einen Völkermord im Osten der Ukraine veranstaltete, weite Teile des Landes entvölkerte und dann mit russischem Prekariat bevölkerte. Die Veranstaltung ist als Genozid anerkannt und ist unter dem Namen Holodomor bekannt geworden.

Sicher ist Ihnen in Ihrem Übereifer – dem Auftrag aus Moskau gerecht zu werden – entgangen, dass Russland aus einem Verbund slawischer Fürsten, der Kiewer Rus hervorgegangen ist. Größter Staat dieser Zeit war das Fürstentum Halytsch-Kiew. Von Moskau orakelten noch nicht einmal die Wahrsager. 1253 erhielt Fürst Danilo die Krone eines Königs päpstlicher Gnade.

Dorthin, in die Sümpfe des Nordens hatten sich die Vorfahren Putins zurückgezogen, um nicht gegen die Mongolen kämpfen zu müssen. Denn die Hauptlast dieses Kampfes trugen die Menschen auf ukrainischem Boden!

Gottseidank haben wir jetzt Herrn Jessen und seine Moskauer Auftraggeber, die die Welt vor der Büchse der Pandora warnen, die vor über 100 Jahren die Deutschen in Kiew verbuddelten. Auch die Orange Revolution war ein Lüftchen aus dieser Büchse, wenn auch nicht das Erste.

Aber vielleicht sieht das der „Kleine Neue Zarewitsch“ – denn zum Zaren fehlt ihm das herrschaftliche Gen – etwas verengt.
Hat nicht schon Lenin seine Berechtigung aus dieser Büchse erhalten?
Die nachfolgenden Helden, so beklagt sich Jessen seien ja nur von deutschen Gnaden und deshalb sollte man sich vor Ihnen fürchten, besonders Moskau sieht das mit Sorge. Ja vor diesen Helden in Moskau sollte sich Deutschland fürchten. Lenin und seine Fahnenträger, waren die nicht ganz besonders von Kaisers Gnaden eingesetzt? Es ist schon ein Wunder, dass sie den Namen kennen und etwas über dessen Denkmäler in Erfahrung gebracht haben. Aber dann hört es schon auf.

Sie sind als Historiker vergleichbar einem Liebhaber, der im Schlafzimmer immer das Licht ausmacht, aber dann über die Unzulänglichkeiten des weiblichen Körpers philosophiert, weil er zwischen den Matratzen gelandet ist. Zum Palavern über Geschichte gehört, dass man auch, wenigstens ein bisschen was dazu gelesen hat! Denn das, was Sie hier dazu abliefern, reicht noch nicht einmal dazu aus.

Nachdem Polen die Westukraine 1919 okkupiert hatte (die Zuordnung durch den Völkerbund erfolgte 1923), formierte sich ein manifester nationaler Widerstand gegen die Okkupanten. Dazu hatten die Westukrainer ab 1929 die OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und die hatte im Krieg die UPA (Ukrajinska Powstanska Armija- Ukrainische Aufständische Armee) geschaffen, damit ein militärischer Arm da war, der den Forderungen auch Nachdruck verschaffen konnte.

Wir haben es also mit einer Organisation zu tun, die schon lange vor der Okkupation der Westukraine durch die Moskowiter im Rahmen des Hitler-Stalin-Paktes für nationale Unabhängigkeit kämpfte.

Um sie nicht zu überfordern, erspare ich mir die Konferenzen und Flügelkämpfe in dieser Organisation und gebe Ihnen dahin gehend recht, dass es einen Mann gab der Stepan Bandera hieß und der Führer dieser Organisation zusammen mit vielen anderen war. Er führte eine Organisation in tiefster Illegalität aus dem KZ Sachsenhausen heraus, die sich aber auf den Rückhalt – fast hundertprozentigen Rückhalt – in der ukrainischen Bevölkerung der Westukraine verlassen konnte.

Durch die faschistoiden Aktivitäten der russischen Truppen, insbesondere des NKWD, wurde der Widerstandswille der Ukrainer nur noch gestärkt. Deportationen von bis zu einer Million Ukrainer, Erschießungen und Unterdrückung waren die Mittel der Wahl der Herrscher aus Moskau. Es ist kein Geheimnis der Geschichte, dass sich der NKWD in dieser Zeit noch der jüdischen Intelligenz beim Aufbau seines Kaderstammes bediente!

Es ist schon ganz schön absurd Petljura hier zu bemühen. Das hin und her der Schlachten des I. WK und der folgenden Interventionen und Bürgerkriege kann man bei gewollter Überzeugungsarbeit nicht so verkürzen, dass die Abhandlung in die Zeitung passt.
Wir sollten uns aber heute die Frage stellen, ob es ein Segen für die Ukraine war, dass die Bolschewiken die junge Demokratie der Volkrepublik Ukraine militärisch niederrangen und das Land für Moskau okkupierten?

Sobald Fakten und Beweise fehlen greifen solche „Experten“ wie Jessen auch zum Beweismittel des Romans. Muss man das jetzt noch kommentieren? Michail Bulgakow wird bemüht und sein Roman „Die weiße Garde“. Zitieren tut sich der große Jessen dann selbst aus seiner Rezension aus den frühen Jahren des neuen Jahrtausends. Das ist das Problem der Verleumder. Wenn die Fakten fehlen greift man zu Romanen und Mythen, dabei gibt es ausreichende Zeugnisse des Leben von Petljuras.

Ich habe gesucht und gesucht, aber in Moskau zur Zeit Stalins keinen beschäftigten Antikommunisten gefunden und ausgerechnet Bulgakow soll einer gewesen sein? Woraus schöpft der Autor Jens Jessen die Weisheit? Hat er den Roman „Die weiße Garde“ auch nur in der Rezension gelesen und daraus auf das geschichtliche Wesen Bulgakow geschlossen? Das ist fahrlässig für einen Autor, der historisches Wissen und keine Histörchen verbreiten will. Gesellschaftskritische Humoresken, das Stilmittel der Zeit und der Gesellschaft, machen ihn aber noch nicht zum Antikommunisten.

2004 hat sich der „Meister“ Jessen schon mal mit der Ukraine und Bulgakow beschäftigt. Es ist schon interessant, wie der tote Antikommunist immer wieder seine Ansichten ändert oder Jessen ihn immer wieder nur anders interpretiert, gerade so wie es bezahlt wird. Zitat Jessen 2004:

Aber im Rückblick auf die polnischen Zerstörungen schreibt Bulgakow 1923: "Es kommt der Tag, und die Polen werden uns nicht mehr böse sein, sondern uns eine neue Brücke bauen, schöner als die frühere… Die Stadt ist jetzt erschöpft nach den furchtbaren Donnerjahren. Sie ist still. Aber ich höre schon das Vibrieren des neuen Lebens. Die Stadt wird ausgebaut werden, ihre Straßen werden wieder brodeln, und sie wird sich erheben über den Fluss, den Gogol liebte, und wieder eine majestätische Stadt sein. Die Erinnerung an Petljura aber möge vergehen."

Der „Antikommunist“ Bulgakow spürt und sieht in der neuen Macht der Bolschiwiki den Lebensgeist für sein Kiew. Das schreibt kein Antikommunist.

Der nächste Satz aber kennzeichnet in meinen Augen den kritiklosen Schreiberling Jessen oder auch den Judas Moskaus in der Schar der linken Propagandisten des Kreml. 2004 findet er es ganz normal und gut, dass Stalin mit einem Kriegsverbrecher gemeinsame Sache gemacht hat und sich Polen geteilt hat, um es der Ukraine, die 10 Jahre später ja nicht gewollt oder gedacht war, einzuverleiben. Ja was nun Herr Jessen?
Zitat Jessen 2004:

Wie es aussieht, könnte Bulgakow Recht behalten. Die Ukraine, der Stalin 1940 den polnischen Westen wieder einverleibte, hat sich mit Polen versöhnt, und die Freiheitsliebe, die sie in unseren Tagen artikuliert, scheint endgültig gesäubert von dem Nationalismus der Petljura-Zeit.

Warum sträubt sich dieser Jessen so gegen nationale Gefühle? Gehört er zu denen, die der deutschen Fußballmannschaft zujubeln, aber sich schämen die Schwarzrotgoldene zu schwenken?

Was ist schlecht an einem gesunden Nationalbewusstsein? Petljura war ein Politiker seiner Zeit, aufgewachsen und erzogen mit den Maßstäben der Zeit. Was haben die bolschewistischen Machthaber danach anderes gemacht mit den Juden? Sie haben sie solange ausgenutzt, bis auch die letzten Bolschewisten buchstabieren konnten und haben sie dann beseitigt!

Warum Herr Jessen kritisieren sie nicht den Antisemitismus der Sowjetunion?
Auf dem Maidan in Kiew und auf den Maidanen in den Regionen habe ich keine ängstlichen Menschen gesehen. Niemand hat sich geschämt, die blaugelben Fahnen zu schwenken und sich mit „Slava Ukraine“ zu begrüßen. Niemand schaute sich um, ängstlich, um zu sehen ob ihn ja niemand bei seinem nationalen Stolz erkennt.

Was der orangen Revolution nicht gelang ist vielleicht jetzt möglich. Zurückzukehren zu den Traditionen der ukrainischen Kosaken und ihrer Demokratie, als es noch nach den Fähigkeiten ging. Das Volk der Ukraine, vertreten durch seine besten Söhne und Töchter auf dem Maidan in Kiew hat mit seinem Hinwegfegen des Vertrages vom 21.2.2014 deutlich gemacht, dass es der Souverän ist! Das zeigt seine neue Qualität und lehrt die Moskowiter das Fürchten. Nicht dass die Ukrainer auf den Roten Platz ziehen wollen, nein, dass auch die Menschen im Reiche Putin ihre Kraft erkennen und eine wirkliche Demokratie einfordern. Die gelenkte Demokratie hat offensichtlich ausgedient.

Dieser Mensch Jessen kann nicht in der Ukraine dieser Tage gewesen sein. Das geht nicht. Solche Ausscheidungen von nationalistischem, russischen Gesinnungsterror und nicht vorhandenen nationalen Gefühlen kann man eigentlich bei einem Rest von Selbstachtung nicht von sich geben.

Herr Jessen! Nun geben Sie doch mal etwas Butter zu den Fischen. Welchen Terror hat denn Swoboda vorgeführt? Russische Kräfte haben auf der Krim Priester der UGKK bedroht, entführt und der Freiheit beraubt. Russische Kräfte haben Kirchen der UGKK an die Moskauer Orthodoxen übereignet. Folterungen an Ukrainern, die nicht für die russische Okkupation waren, gehen auf das Konto russischer, faschistischer Banden. Wie kann man frei abstimmen, wenn die Wahllokale von bewaffneten grünen Männchen besetzt waren?

Ja und wie kam die Krim zu Russland?
Durch Okkupation. Es gab damals keinen Wunsch der Krimtataren, sich unter die Knute des Zaren zu begeben. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1768-1774 erlangte das Khanat der Krim eine formelle Selbständigkeit, wurde aber durch die Einschleusung des russischen Virus verseucht (Russifiziert) und 1783 durch Katharina II. als Teil Russlands proklamiert. Hat Klein-Putin einen schnelleren Virus gehabt? Aber abgeschrieben hat er auch von Katharina II. !
Was eigentlich ist auf seinem Mist gewachsen? Gab es denn eine Nationalitätenpolitik in der SU? Es gab nur Russen und ansonsten untergeordnete Volksgruppen, denen man die Rechte genommen hatte! Vor allem ab 1931.

Niemand wollte die Ukraine von Russland lösen, da liegen Sie wieder falsch. Niemand wollte sich mit der Ukraine zufrieden geben! Hitler wollte, so wie sein Sohn im Geiste Putin, alles. Die ganze Sowjetunion. In Ihrem bezahlten Engagement springen Sie bei weitem zu kurz.

Wie soll denn Petljura sein Land verraten haben? Machen Sie das doch mal deutlich! Und was hat der Überfall Polens 1919 auf die Ukrainische Volksrepublik mit dem Faschismus, den es ja noch nicht mal in Italien gab, zu tun? Putin sollte lieber den Faschismus in seinem Machtapparat bekämpfen und seinen Besatzern der Krim den Antisemitismus austreiben. Den Dreck vor der eigenen Schwelle sieht man bekanntlich zuletzt, wenn man sich geifernd über das Grundstück des Nachbarn auslässt.

Alles was vor 1991 war ist Geschichte. Mit der Urkunde über die Entlassung der Ukraine aus dem Verbund der Staaten der UdSSR wurde ein Völkerrechtssubjekt selbständig und unabhängig. Dass die Ukraine ein Völkerrechtsobjekt war, können Sie an der Tatsache erkennen, dass die USSR 1945 Gründungsmitglied der UNO war. Nachzulesen: https://www.unric.org/de/aufbau-der-uno/89
Also was sollen Ihre Deutungen, was sind sie mehr als das Stochern im Kaffeesatz? Die Existenz der Ukraine wurde zudem 1994 durch Russland noch einmal in einem völkerrechtlichen Vertrag bestätigt und ihre territoriale Integrität durch Russland garantiert. Aber das ist nun der Hammer. Herr Jessen betrachtet Kiew und alles drum herum als russisches Kerngebiet! Da will tatsächlich das Stoffwechselprodukt der Hegemon über den Verarbeiter sein.

Kurt Simmchen
Vul. Sitschowich Strilziw 5
UA-77461 Beresivka


 

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