„Typisch Ukraine?“ - die Ukraine von innen gesehen

In den mittlerweile 10 Jahren hier in der Ukraine habe ich einiges erlebt und beobachtet. Gerne bedient man sich ja gewisser Stereotypen. Schwaben und Schotten gelten als geizig oder wenigstens sehr sparsam, Holländer haben alle ein Wohnmobil und Schweizer machen jeden Tag Fondue und lutschen Ricola Kräuterbonbons.

Gibt es ähnliches über Ukrainer? Mir fällt da jetzt nichts ein, aber gewisse Gemeinsamkeiten unter ihnen sind mir doch aufgefallen. Abweichungen bestätigen nur die Norm. Also, mit einem zwinkernden Auge, etwas sarkastisch manchmal, aber auch einem Fünkchen Wahrheit kommt hier meine kleine Top 10, was in der Ukraine besonders auffällig ist und die Menschen ausmacht:

  1. Einkaufen in Arbeitsklamotten? Nicht in der Ukraine! Da zieht man sich vorher um, Frauen legen ihre „Kriegsbemalung“ an, egal, ob man es eilig hat, weil der Laden gleich zumacht. Wenn ich – gerade mitten in einem Bauprojekt – mir schnell mal was hole, ignoriere ich das gelegentlich und kaufe auch mal in Arbeitsklamotten ein. Da passierte es schon, dass der Wachmann mich dreimal von oben bis unten beäugte.
  2. Russen nennen die Ukrainer abfällig „Ukrop“ – Dill. Und ja, Dill, Petersilie, Lorbeerblätter, Speck, Weißkraut und Mayonnaise dominieren in der ukrainischen Küche. Was den Schimpfnamen angeht, da sieht man aktuell, was für einen großartigen Sinn für Humor die Ukrainer haben. Als die Moskali gerade jetzt im Krieg die Ukrainer so beschimpften, tauften sie eines ihrer Bataillone auf diesen Namen, so nach dem Motto »OK, wir sind Ukrops, um so besser können wir Euch Russen in den Allerwertesten treten.«
  3. Namen sind wie Schall und Rauch und was im Pass steht - egal. Den Alexander ruft man Sascha, den Ivan - Wanja, den Jewgeni - Jenia, den Wladimir - Volodja und den Victor - Vidja. Tamila oder Tonja? Natascha, Natalie oder Natalia? Egal, ist auch dasselbe. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Übrigens, der Name „Jens“ geht den Ukrainern schlecht über die Lippen, da ist man gleich einmal der Hans.
  4. Mindestens jeder dritte Ukrainer hatte anscheinend das Glück, seinen Führerschein im Lotto gewonnen zu haben. Ich hatte hier schon einmal darüber geschrieben. Damit nichts passiert, fehlt in kaum einem Auto das Bild einer geweihten Ikone. So nach dem Motto, der Herrgott wird schon aufpassen.
  5. Nicht viel anders sind die Radfahrer. In dunkelster Nacht wird ohne Licht gefahren und man kann nur hoffen, dass sie ihren Organspendeausweis dabei haben…
  6. Thema Pünktlichkeit und Einhaltung von Terminen. Nein, das würde den Rahmen sprengen, ich habe dazu schon einiges geschrieben (siehe Bautagebuch) und mein Blutdruck ist gerade so schön normal. Halt! Vielleicht sind sie bei einer Sache wirklich pünktlich. Wenn es zum angeln geht… Diese Leidenschaft teilen sich hier Männlein wie Weiblein, das liegt ihnen schon im Blut.
  7. Ukrainer sind das geduldigste und leidfähigste Volk, was ich kenne. Das beweist nicht nur die aktuelle Situation mit Russland. Es gibt so gut wie nichts, was einen Ukrainer ausrasten lässt. Und das ist manchmal für einen Deutschen dann schon wieder zum verzweifeln! Egal, was passiert, das muss man ihnen lassen, sie haben die Ruhe weg.
  8. In der Ukraine ist ganzjährig Weihnachten? Könnte man fast glauben, denn zumindest das, was wir Lebkuchen nennen, bekommt man das ganze Jahr über. Die heißen » Пряники (Prijaniki)«. In der wirklichen Weihnachtszeit hatte ich aber auch besondere in der bekannten Sternenform gefunden, die heißen »Баварский пряник (bayrische Lebkuchen)«
  9. Ukrainer sind besonders Gastfreundlich und können zaubern. Mal kurz bei jemanden vorbeischauen, um etwas mitzuteilen oder zu fragen, das kann lange dauern. Da wird man sofort zu Tisch gebeten und es werden wie von Zauberhand Sachen aufgetischt, wo man selbst erst einmal stundenlang in der Küche stehen würde. Keine Ahnung, wie die das machen.
  10. Sind Ukrainer faule oder fleißige Menschen? Wenn man die Anzahl an (vor allem kirchlichen) Feiertagen so sieht, mag man ersteres glauben. So viele Tage, an denen Heilige verehrt werden, an denen man nicht sägen, bohren, hämmern oder umgraben darf (und worüber gerade die Babuschkas mit Argusaugen wachen!), sowie die aus Sowjetzeit stammenden Ehrentage für jeden Berufszweig: da gibt es den Tag des Eisenbahners, des Maurers, der Sekretärin, des Elektrikers, der Verkäuferinnen, der Piloten, usw. Und das alles ist hinter dem Zauberwort »Prazdnik« für Feiertag versteckt, bei dem man gerade als Häuslebauer mit engem Terminplan leicht in Panik geraten kann.
    Aber nein, danach darf man nicht über die Ukrainer urteilen. Denn sie arbeiten sehr hart, freie Sonntage kennt man höchstens in größeren Firmen und viele haben mehr als einen Job und dann auch noch zu Hause den Acker und Tiere zu versorgen. Klar, es gibt die Taugenichtse, wie überall, die nur große Reden schwingen und dabei froh sein können, dass deren Frau das so mitmacht.

Übrigens, das Glück der Ukrainer sind ihre Frauen. Sehr oft haben diese das Zepter in der Hand und halten den familiären Laden am Laufen. Mein Schlusswort gilt somit diesen, denn vor ukrainischen Frauen, gerade hier auf dem Dorf, habe ich den größten Respekt. Und das kann man wirklich als typisch ukrainisch sehen: sie haben die besten Frauen der Welt!

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Bild mit Ukrop-Emblem von Ириной Полынь, gefunden auf https://gazeta.ua
Prianiki A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) / CC BY-SA


 

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