Drohobytsch – 1000 Jahre Salzgewinnung

Ein Gastbeitrag von Stefan Weisshappel.

Drohobytsch im Oblast Lviv (Westukraine) ist eine geschichtsträchtige Stadt, welche touristisch einiges zu bieten hat. Da sind zum einen die Villen der ehemaligen österreichischen Ölbarone und eine gut erhaltenen Holzkirche aus dem 16. Jahrhundert, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Aber lange vor dem Ölboom im 19. Jahrhundert und dem Bau der St. Georg-Kirche war Drohobytsch über Jahrhunderte bekannt für sein Salz!

Im Paterikon, einer Schriftensammlung des Kyiver Höhlenklosters erwähnte man schon im Jahre 1097 Salz aus Galizien. Im Jahre 1250 gründete man die Salzfabrik in Drohobytsch. Sie ist somit das älteste noch arbeitende Industrieunternehmen in der Ukraine, ja, in ganz Europa! Die Salzmanufaktur bescherte Drohobytsch Wachstum und Reichtum. Aus der ganzen Ukraine kamen Chumaks (Händler mit Ochsenkarren) nach Drohobytsch, um Salz zu kaufen. Über die Flüsse Slutsch und Horyn, den Prypjat und den Dnipro gelangte das Salz direkt per Schiff nach Kyiv.

1473 wurde die aktuelle Salzschicht in 47m Tiefe angestochen und liefert seitdem Tag für Tag 600kg feinstes Speisesalz, das von 26 Angestellten in Handarbeit gewonnen wird. Ist diese Salz jetzt ein ökologisches Premiumprodukt wie das Salz aus Bad Reichenhall oder Hallein? Macht es die Arbeiter in der Fabrik reich oder wohlhabend wie die Gründer der Manufaktur? Nein, vielmehr ist die Saline ein anachronistisches Relikt, welches alle politischen Wirrungen der letzten 1000 Jahre überlebte und heute im Staatseigentum mit der Marktwirtschaft kämpft.

Wo in Westeuropa ein Deluxe-Kurort mit Salzkabinetten und Kurpackungen entstehen würde, kämpfen in der Ukraine die Angestellten mit 200 Jahre alten und undichten Holzbottichen, schöpfen die Sole mit Pumpentechnik aus Zeiten der k. u. k. Monarchie und erhitzen die Salzpfannen mit Holz und ohne russisches Gas. Für einen Euro erhält man hier feinstes Salz mit Geschichte.

Und wo wir schon bei Geschichte sind: Das Gebiet, was wir heute als Galizien kennen, nannte man früher Fürstentum Halytsch-Wolhynien. Man geht davon aus, dass der Name »Halytsch« vom altslawischen Wort »Halka«, der Dohle/Krähe kommt. Jedoch, ähnlich klingt das altgriechische Wort für Salz – »Alash«. Und nicht weit von Drohobytsch befand sich die Festung der Kyiver Rus »Tustan«, welche eine Handelsroute von Ostroh nach Krakau sicherte. Auch die Handelsroute über den Dnister nach Süden, in Richtung Byzanz war nicht weit. Vielleicht bedeutet Halytsch soviel wie »Salzland«?

Wie dem auch sei, die Saline ist auf alle Fälle einen Besuch wert. Früher konnte man Tickets für eine Führung in der Touristeninfo im Rathaus kaufen. Heute macht das eine Angestellte der Saline für 30 UAH, also umgerechnet einen Euro pro Person und dauert ca. eine Stunde. Die Führung ist zwar auf Ukrainisch, trotzdem hochinteressant! Wer in der Nähe ist, der rufe doch Oxana unter 067 37 42 425 an und vereinbart einen Termin.


 

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